fair fashion factory: Alttextilien-Sortierung in der Garage

05.03.2025

Sew the future, preserve values

Die fair fashion factory bringt industrielle Textilproduktion zurück in den urbanen Raum und schafft eine nachhaltige, zukunftsorientierte Produktionskultur in Basel. Als Kompetenzzentrum für textiles Wissen und Netzwerk-Hub für textile Innovationen vereint die fair fashion factory Handwerkskunst mit modernster Technologie. Sie fördert zirkuläre Prozesse, kurze Lieferketten und eine transparente Wertschöpfung. Sei es als Think Tank, Produktionsstätte, Workshop Space, Wissensvermittlerin, oder wie vor Kurzem in der Garage auf dem Franck Areal: Als Durchführerin einer Machbarkeitsstudie zur lokalen Sortierung von Alttextilien. Wir durften mit Ana Stamenkova, Projektleitung der Machbarkeitsstudie zum Thema Altkleider, über ihre Arbeit und den Inhalt der Studie sprechen.

Ana Stamenkova und zahlreiche Helfer:innen sortierten Alttextilien in der Garage auf dem Franck Areal
Ana Stamenkova und zahlreiche Helfer:innen sortierten Alttextilien in der Garage auf dem Franck Areal

Seit wann gibt es die fair fashion factory und wie seid ihr entstanden?

Wir sind insgesamt acht Mitglieder, ich bin letztes Jahr als Neuste dazugestossen. Die restlichen Personen sind alle Gründungsmitglieder und haben den Verein fair fashion factory vor zwei Jahren ins Leben gerufen. Die ersten zwei Jahre lag der Fokus vor allem auf Marktrecherchen um herauszufinden, was die Ausgangslage in der lokalen Textilindustrie ist und wo es Bedarf an Veränderungen und angepassten Angeboten gibt. In diesem Prozess wurden verschiedene Workshops durchgeführt und die Hauptfokusthemen des Vereins haben sich dadurch herauskristallisiert. Nun arbeiten wir aktiv auf unterschiedlichen Ebenen an diesen Themen und versuchen, unseren Teil zu positiver Veränderung in der Textilindustrie beizutragen.

 

Welchen Fokus hat die fair fashion factory bei der Arbeit an den globalen und weitreichenden Problemen der Fast Fashion Industrie?
Mit dem Projekt zur lokalen Sortierung von Alttextilien haben wir eine Machbarkeitsstudie gestartet, um herauszufinden, ob die fair fashion factory als Verein in die Altkleiderindustrie investieren kann und dort lokal etwas verändern kann. Dafür haben wir in einem ersten Schritt diverse lokale Player in der Altkleiderindustrie befragt (Hochschulen, Textildesigner:innen, Hilfsorganisationen, Handwerker:innen, etc.). Im zweiten Schritt sortieren wir lokal hier auf dem Franck Areal fünf Tonnen Alttextilien, die uns von Tell-Tex zur Verfügung gestellt wurden. Damit analysieren wir den Bestand und die Qualität der Textilien um zu sehen, was auch lokal wieder zurück in den Kreislauf fliessen kann.

 

Ihr habt fünf Tonnen Alttextilien in zwei Wochen sortiert – wie habt ihr das geschafft?
Fünf Tonnen sind eine richtig grosse Menge. Dank weitreichendem Interesse und grosser Unterstützung von interessierten Personen und Bildungseinrichtungen konnten wir diese aber erfolgreich in den zwei Wochen sortieren. Es waren lokale Akteur:innen beteiligt, die bereits zuvor in verschiedenen Formen mit Textilien oder Alttextilien gearbeitet haben. Das Projekt ist auf grosses Interesse gestossen, da viele Personen daran interessiert sind, mehr Transparenz in die vorhandenen Strukturen zu bringen. Es gab viele Personen, die vier bis fünf Mal zum Helfen vorbeigekommen sind. Die Machbarkeitsstudie leistet gleichzeitig viel Aufklärungsarbeit, was mit den Alttextilien passiert, nachdem sie via Kleidersäcke oder Abgabe in Containern «gespendet» werden.

 

Wie läuft denn die institutionelle Sortierung von Alttextilien aktuell in der Schweiz ab?
Aktuell wird sehr wenig lokal sortiert. Tell-Tex sammelt die Textilien zentral in einem Lager, das etwa eine Stunde von Basel entfernt ist. Laut einer Studie von Quantis werden aktuell 98% der Schweizer Alttextilien zur Sortierung exportiert. Tell-Tex arbeitet beispielsweise mit dem Bau einer sehr grossen Sortieranlage in St. Margrethen an einer Lösung hierfür. Bisher wird sehr wenig lokal sortiert. Es gibt lediglich eine kleine Sortieranlage der Caritas in der Zentralschweiz. 98% Export ist zwar eine riesige Zahl, aber bei der Masse von 60'000 Tonnen Alttextilien werden immer noch 1'200 Tonnen in der Schweiz sortiert. Die Arbeitskraft in der Schweiz ist schlicht zu teuer, um die Sortierung der Gesamtmenge lokal abwickeln zu können. Auch bei unserer Machbarkeitsstudie hat sich gezeigt, wie viel Arbeit und Zeit diese Sortierung benötigt: Für «nur» fünf Tonnen Alttextilien waren über hundert Menschen während über zwei Wochen beschäftigt.

 

Wie habt ihr den Sortierungsprozess bei euch gestaltet?

Es ist sehr viel Handarbeit in die Sortierung geflossen: Die Textilien wurden per Hand abgeholt, ausgeladen, einmal ausgepackt und sortiert, eingepackt, dann erneut ausgepackt und feinsortiert. Zuletzt wurden sie gewogen und vielleicht nochmal repariert oder für den Verkauf gewaschen. Wenn aus den Textilien neue Stücke gefertigt wurden, wurden sie vielleicht sogar erst gewaschen, dann zerschnitten, weiterverarbeitet und erneut gewaschen, bevor sie ihr neues Leben antreten konnten. Der Prozess ist eine richtig lange Kette mit enorm viel Handarbeit, was für Unternehmen natürlich nicht lukrativ ist. Im Rahmen der Machbarkeitsstudie hatten wir zahlreiche freiwillige Helfer:innen, die die sortierten Textilien kiloweise mitnehmen konnten und so für ihre Arbeit verdankt wurden. Das Ziel ist, zu erfassen, wie viel und was mitgenommen wird und teilweise auch, was die Abholenden bereit wären für die Textilien zu bezahlen.

 

Was passiert als nächstes mit den Alttextilien, nachdem ihr sie hier auf dem Franck Areal sortiert habt?

Einerseits wiegen wir ab, wie viel der Textilien direkt mitgenommen wird und halten fest, wie die Abholenden die Textilien weiterverwenden werden. Die Abholenden sind hauptsächlich Personen, die sich aktiv am Sortierungsprozess beteiligt haben oder auch lokale und regionale Hilfsorganisationen. Wir legen grossen Wert darauf, mit unseren Projekten jeweils auch ein Netzwerk aufzubauen und herauszufinden, wo Bedarf für unsere Arbeit ist. Hierfür sind Projekte wie dieses ideal, da wir durch die Zusammenarbeit mit allen Unterstützer:innen auch Leute von Hilfsorganisationen, Second Hand Shops oder ähnlichem kennenlernen, die diese Alttextilien dann weiterverwenden können. Das sind auch zentrale Informationen für unsere Weiterarbeit nach der Machbarkeitsstudie, damit wir erarbeiten können, was eine mögliche Zukunft für die Verwendung von Alttextilien in Basel sein könnte.

 

Auch wenn mehrere hundert Kilo Alttextilien direkt abgeholt wurden, ist das Meiste nach der Sortierung noch hier. Der Zustand der Altkleider war allgemein ziemlich gut; es war wenig Abfall unter den Alttextilien. Trotzdem blieb vieles noch zurück. Alles was nicht abgeholt wurde, wird nun von Tell-Tex wieder mitgenommen und in ihrem Kreislauf weiterverarbeitet. Im Rahmen der Machbarkeitsstudie hat die fair fashion factory schlicht nicht die notwendige Logistik, um die übriggebliebenen Textilien selbst zu lagern und nach und nach weiterzugeben oder zu recyclen.

 

Wie seid ihr dazu gekommen, die Machbarkeitsstudie bei uns auf dem Franck Areal in der Garage durchzuführen?

Ich finde die Studie und die fair fashion factory allgemein passen thematisch perfekt auf das Franck Areal. Obwohl ich erst seit Kurzem hier in Basel bin, war das Franck Areal einer der ersten Orte, die ich hier kennengelernt habe. Ich habe bei einer Führung der MacherSchaft Christoph Peter aus dem Team der Arealentwicklung kennengelernt und durch ihn vom Franck Areal erfahren. Ich fand den Austausch sehr spannend und habe direkt gedacht, dass dies perfekt zur fair fashion factory passt. Auch logistisch ist die Location sehr geeignet: Die Anlieferung und Abholung der Textilien war ohne Probleme machbar und der geteilte thematische Fokus auf Nachhaltigkeit und Wiederverwendung der beiden Projekte passt auch perfekt.

 

Allgemein hätte die Machbarkeitsstudie nicht ohne die weitereichende Unterstützung anderer Institutionen und Einzelpersonen durchgeführt werden können. Wir sind sehr dankbar an Tell-Tex für die zur Verfügung gestellten Alttextilien und für die Weiterverarbeitung der nicht abgeholten Textilien wie auch ans Franck Areal für die zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten. Die Machbarkeitsstudie war nur möglich durch Finanzierungsbeiträge des Amtes für Umwelt der Stadt Basel, durch die materielle und infrastrukturelle Unterstützung verschiedener Institutionen und durch die vielen helfenden Hände, die uns bei der Sortierungsarbeit freiwillig unterstützt haben.

 

Wie weiter für die fair fashion factory?

Die Resultate der Machbarkeitsstudie zur lokalen Sortierung von Alttextilien werden im Frühling präsentiert. Wir haben viele parallellaufende Projekte, aber nach Abschluss der Machbarkeitsstudie werden wir sicherlich ausarbeiten, wie wir im Bereich Alttextilien weiterarbeiten wollen. Dafür müssen wir nun auswerten, wo das Potential für uns in dieser Kette liegt und wo wir als Verein tatsächlich etwas zu einer positiven Veränderung beitragen können. Das ist sicherlich der nächste Schritt in Bezug auf diese Studie. Ansonsten ist die Basel Strick AG, mit der wir nachhaltige Strickteile lokal in Basel produzieren, sicherlich weiterhin ein grosser Fokus unserer Arbeit.

Zur Person

Ana Stamenkova ist seit Sommer 2024 Teil der fair fashion factory. Als Mode- und Textildesignerin arbeitet sie überzeugt daran, mehr Nachhaltigkeit in die Modeindustrie zu bringen. Bei der fair fashion factory liegt ihr Fokus auf Lösungsansätzen für die zirkulare Verarbeitung von Alttextilien um Abfall zu minimieren und positive Auswirkungen zu maximieren.  

www.fairfashionfactory.ch

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